Jazzthetik Magazine - September/October 2016 Feature by Angela Ballhorn / by Leni Stern

Leni Stern - Die vielen Leben der Magdalena Stern

Mittlerweile sind Leni und Mike Stern seit drei Jahrzehnten verheiratet, reisen jedes Jahr nach Indien und machen viel Musik – in je eigenen Projekten. Zusammengespielt wird nur zu Hause. Dass Leni Stern sich nach Fusion- und Singer-Songwriter-Phasen seit Längerem auf anderen musikalischen Wegen befindet, erzählt Mike Stern regelmäßig stolz. „Du musst hören, wie Leni Ngoni spielt!“ Mittlerweile ist Leni Sterns neue CD Dakar Suite auf dem Markt, und die Gitarristin schildert auf Tour mit ihrem Trio mit Mamadou Ba (b) und Alioune Faye (perc) ihren Weg zur afrikanischen Musik. „Ich bin ja schon eine Weile in der afrikanischen Kultur unterwegs. Vor Jahren wurde ich zu dem berühmten Friedensfestival in die Wüste eingeladen. Da sind viele Musiker hingefahren, um auf das Schicksal der Tuareg aufmerksam zu machen. Wir haben dort ganze Nächte durchgespielt, ich lernte Bassekou Kouyaté kennen und habe mich in die Ngoni, die afrikanische Gitarre, verliebt und die Ursprünge des Blues erforscht. Ich habe mitgespielt und wurde gelobt, wie toll ich malische Musik spielen könne.“

Dass sie diese Musik noch nie gespielt hatte, verriet die Münchner Gitarristin nicht. Im Blues kannte sie sich aus, und dass der Blues und die Musik Malis so viele Gemeinsamkeiten haben, wunderte sie nicht lange. „Die Bluesriffs, die wir kennen, stammen tatsächlich aus der malischen Kultur, die mit den Sklaven nach Amerika gekommen ist. Der Ursprung des Jazz und des Swing liegt da.“ Leni Stern konnte schnell ein Album aufnehmen, da sie in einen Wettbewerb rutschte, den die UNESCO für Salif Keita förderte. Dessen Plattenfirma hatte einen Wettbewerb für junge Toningenieure ausgerufen, die besten fünf durften mit Keitas Technikern lernen. „Die UNESCO hatte für dieses Projekt keine Band organisiert. Da ich beim Festival war, baten sie mich, mit den Festivalfreunden ins Studio zu kommen, damit sie jemanden zum Aufnehmen haben. Alu Maye war mein erstes afrikanisches Album. Ich bin in die USA zurück, habe noch gemastert, Mike Stern und Michael Brecker haben noch gespielt. Die ganzen Jazzmusiker waren begeistert, weil sie wie ich diese Sprache des Jazz entdeckt haben.“

Ziemlich schnell kehrte die Gitarristin nach Afrika zurück. Salif Keita fand die zierliche Jazzmusikerin so gut, dass er sie in seine Band holte. Ganz nach Afrika umziehen wollte sie nicht, weil sie ja einen Mann und eine Karriere in New York hatte, wie sie lachend betont. Aber sie fuhr regelmäßig nach Mali und in den Senegal. Bei Salif Keita lernte sie viel. „Wir waren in seiner Band drei Gitarristen, und die anderen beiden sind die größten afrikanischen Gitarristen. Für die Soli wollte Salif den amerikanischen Sound und hat mich nach vorne geschoben.“ In einer Frau sahen die afrikanischen Musiker keine Konkurrenz. Dadurch bekam Leni Stern Sachen gezeigt, die männlichen Musikern nie gezeigt worden wären. „Die haben mir lange nicht verraten, wie die Ngoni gestimmt wird. Irgendwann hieß es: ,Meine Kleine, komm her, ich zeig dir das.‘ So bin ich in die Geheimnisse afrikanischer Musik eingewiesen worden. Jetzt sagen meine Musiker, dass ich wie eine Afrikanerin spiele. Als Jazzmusiker ist das nicht so schwierig, weil wir offene Ohren haben. Man kann nicht genau aufschreiben, was wir da machen, das ist dem Jazz sehr ähnlich. Als weiße Frau mitten in der afrikanischen Tradition zu sitzen und die Geheimnisse zu lernen, da wusste ich gar nicht, was das für ein Privileg ist. Es ist irrsinnig kompliziert, auch wenn es vermeintlich einfache Volksmelodien sind. Mike hat auf der neuen CD mitgespielt und musste immer wieder nach der Eins suchen. Normalerweise ist er der Chef der Gitarristen im Hause Stern, momentan bin ich es!“

Leni Sterns Mission ist es, den Blues zurück nach Afrika zu bringen. Die Riffs der alten Bluesmusiker kann man alle in der afrikanischen Musik finden. Sogar die ungewöhnlichen Arten, das Instrument zu stimmen, haben die Blueser übernommen. Auch eine bessere Funkgitarristin ist sie dadurch geworden, weil man keine Akkorde auf der Ngoni spielen kann. Viel gelernt hat Leni Stern über ihre fantastischen Mitmusiker: Mamadou Ba, musikalischer Leiter bei Harry Belafonte, lernte sie in New York kennen, leichtfingerig flitzen bei dem Bassisten die Hände über das Griffbrett. Er stellte Leni Alioune Faye vor, der aus einer großen Perkussionsfamilie kommt. „Meine aktuelle Platte habe ich mit seiner ganzen Familie aufgenommen, mit sieben Perkussionisten. Ich hatte so eine Power hinter mir, es fühlte sich an, als ob mich die New Yorker Subway schiebt.“

Mittlerweile besinnen sich einige Jazzmusiker auf afrikanische Musik, doch Leni Stern ist eine Vorreiterin. Sie war wirklich an den Quellen, hat gelernt, wie die Musik weitergegeben wird, ohne notiert zu sein, hat die Sprachen gelernt und sich einen Platz als weiße Gitarristin in den männerdominierten Bands Afrikas erarbeitet. „Bei meinen Stücken ist afrikanische Musik die Grundlage, bei den meisten anderen ist es Jazz mit African Flavour. Und wir haben Texte, die ich in Wolof, Bambara und Yoruba singe. Ich war in den Bands, habe die Sprachen gelernt, bin über die ganze Westküste von Afrika gereist und habe dort Konzerte gegeben. Meine Reise geht weiter!“